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Herbststürme

Filed in Allgemein, Journal, Persönliches by on 18. November 2015 0 Comments • views: 917
Orkan Heini

Orkan Heini

Heute ist kein guter Outdoor-Tag, denn Orkan “Heini” weht auch über Berlin. Zwar (noch?) nicht mit Sturmböen von über 170 km/h, wie auf dem Brocken, aber doch heftig genug, um Kind 4 lieber mit dem Auto zur Schule zu fahren, weil sie ausgerechnet heute den langen Weg durch den Wald gehen müsste (die zwei Schulbusse fahren nur zur ersten Stunde). Natürlich kann ein Baum auch ein Auto zerquetschen, aber das subjektive Sicherheitsgefühl ist doch anders.

Herbstzeit – Orkanzeit

Jedenfalls war das früher immer so. Inzwischen sind Stürme im Dezember und Juli auch nicht mehr ungewöhnlich, aber mein Schlüsselerlebnis in Sachen Orkan wird wohl auf ewig der Novembersturm des Jahres 1972 [Wikipedia] bleiben.

Ich war acht Jahre alt und alleine zu Hause. Wir wohnten in einer Berliner 60er-Jahre Stadtrandsiedlung: Gebäude mit Flachdächern in verschiedenen Höhen. Im Laufe des Nachmittags wurde der Sturm stärker und rüttelte am ganzen Haus. Es klang sehr gruselig und ich hielt mich zunächst in der Mitte der Wohnung auf, weil ich mich dort am sichersten fühlte.

Lautes Krachen lockte mich aber doch hervor und ich lief zuerst zur Balkontür, weil meine Horrorvorstellung war, dass das Geländer unserer Loggia abgerissen worden sein könnte und ich da nicht mehr hin könnte. Ich nehme an, das lag daran, dass mein Vater mich gerne aufs Geländer setzte, als ich kleiner war. Ich habe es gehasst, weil ich a) immer Angst hatte, dass meine Klapperlatschen runterfallen und b) ich mir nie so ganz sicher war, ob ich nicht selber hinunterfallen würde. Und für ein Kind ist auch der zweite Stock ziemlich hoch (naja, zum Runterfallen für Erwachsene eigentlich auch).

Wetterbeobachtungsplatz

Der Balkon war aber intakt, und so ging ich in mein Zimmer und drückte mir dort am Fenster die Nase platt. Dieses Fenster war ohnehin mein bevorzugter Wetterbeobachtungsort, z.B. für nächtliche Gewitter (ich liebte Gewitter; vielleicht, weil ich während eines Gewitters geboren wurde *g*).

Mir bot sich ein spektakuläres Bild: Bäume bogen sich, Blätter wirbelten herum, und Michael K., ein Klassenkamerad, stand mit jemand anderem heftig gestikulierend am Buddelkasten. Ich folgte seiner Hand und sah, dass sich ein großer Teil des Flachdachs (vom sechsstöckigen Haus links neben uns) hob und senkte, wie ein Fähnchen im Wind.

Beinaheunfall

Dann lief eine Frau vor dem Haus links auf dem Weg entlang. Ich werde nie vergessen, wie sie mit einem Mal in einen Hauseingang hechtete, denn der lose Teil des Flachdachs hatte sich mittlerweile endgültig gelöst und kam auf die Stelle herabgesegelt, wo sie zuvor noch stand.

Spätstens dann wurde mir klar, dass das auch meine Eltern hätten sein können. Wir besaßen zwar ein Telefon, aber meine Eltern waren vermutlich von der Arbeit auf dem Weg nach Hause und anno 1972 gab es noch keine Handys und ich hatte auch kein Internet, mit dem ich mich über die tatsächliche Gefahr hätte aufklären können.

So schlimm kann meine Angst dann aber doch nicht gewesen sein, denn ich kann mich absolut nicht daran erinnern, wann meine Eltern zurück kamen und wie sie und ich reagiert haben. Ich habe immer nur das Bild des Daches vor Augen und das Heulen des Sturms im Ohr.

Umstürzende Bäume

Seit damals sind Herbststürme für mich mit einem wohligen Grusel verbunden (also wohlig, so lange ich mich im Haus aufhalte). Es ist saugemütlich dem Sturm beim Heulen zuzuhören, gleichzeitig kann aber jederzeit ein Baum aufs Haus kippen. Falls ihr diese Angst übertrieben findet: Bei einem Sommersturm in den 2000er Jahren ereilte einen Freund dieses Schicksal gleich doppelt: Sein altes Haus am Waldrand stand zum Verkauf und er hatte bereits ein neues Haus gekauft. Auf beide Häuser fiel ein Baum …

Sturmfrei?

Offenbar bin ich dann doch nicht die einzige, die sich Sorgen macht, denn soeben bekam ich eine Telegram-Nachricht aus der Schule:

Kann sein, dass es ab 11:00 Uhr sturmfrei gibt.Da bekommt der Begriff “sturmfreie Bude” doch gleich eine andere Bedeutung ;-) Nee, im Ernst: Hitzefrei kennen wir alle, aber sturmfrei ist mir neu. Schauen wir mal.
[Nachtrag: Es gab um 12:30 Uhr “sturmfrei”, als der Wind dann beinahe weg war ^^]

Mag sein, dass es u.a. daran liegt, dass die Fähre nicht mehr gegen Sturm und Strömung ankämpfen kann. Das sah vorhin schon ganz schön schwierig aus und Wellengang gibt es auf dem Tegeler See sonst auch eher selten zu sehen:

 

Sturmbedingte Wellen auf dem Tegeler See

Sturmbedingte Wellen auf dem Tegeler See

Und was sind eure intensivsten Sturm-Erlebnisse? Schreibt mir doch in den Kommentaren!

Petra

About the Author ()

Petra A. Bauer, Autorin, Bloggerin, Rennschnecke. Sport- und Outdoor-Fashionvictim. Schreibt hier über ihre Bemühungen, Sport nicht mehr als Mord zu betrachten.

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